Nachwort
Von all den Büchern, die ich geschrieben habe und noch schreiben werde, wird dieses immer einen ganz besonderen Stellenwert haben. Denn die Geschichte spielt in einem Heim, das dem sehr ähnlich ist, in dem ich in den Sechzigern selbst ein Jahr verbrachte. Ein Jahr, das ich heute als das wichtigste und das schönste meiner Kindheit bezeichne, obwohl ich dort das legendäre Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1966 Deutschland gegen England miterleben musste.
Zweiundvierzig Jahre später, im Sommer 2008, hielt ich mich mit meiner Frau in der Nähe von Würzburg auf und beschloss, ihr das St. Josephsheim zu zeigen. Wir wurden freundlich aufgenommen und schnell entstand die Idee, dort einmal zu lesen. Ein halbes Jahr später war es so weit. Ich reiste nach Würzburg und sah meinen damaligen Heimleiter Dr. Flosdorf wieder. Ihm sei dieses Buch gewidmet. Es war ein herzliches Wiedersehen und eine berührende Begegnung, die ich nie vergessen werde. Er führte mich herum und ich betrat Räume, in denen ich als Elfjähriger spielte, lachte, weinte und tobte. Es war eine Reise in die Vergangenheit und ich fühlte mich sofort daheim.
Die Lesung war nicht nur für mich, sondern auch für die Kinder etwas Außergewöhnliches. Denn da las ja ein ehemaliges Heimkind. So bezogen sich die anschließenden Fragen auch eher auf meinen Heimaufenthalt vor mehr als vier Jahrzehnten als auf die gelesene Geschichte.
Im Anschluss entstand, während eines Gesprächs mit dem heutigen Heimleiter Dr. Norbert Beck, die Idee, zum hundertjährigen Bestehen des St. Josephsheims im Jahr 2011 eine Anthologie mit Heimgeschichten herauszubringen.
Im Nachhinein bin ich Stefan Wendel vom Thienemann-Verlag sehr dankbar, dass er mich überredete, stattdessen eine eigene Geschichte zu schreiben. Das tat ich.
Aber nicht allein. Und das ist der zweite Grund, der dieses Buch für mich zu etwas Besonderem macht. Es begann das Experiment Schreibgruppe Würzburg. Ziel war es, Heimkinder mit in die Arbeit einzubeziehen. Nach dem anfänglichen Ansturm blieben schließlich sechs Kinder und Jugendliche übrig.
Laura Dittrich, Frédéric Janßen, Michéle Luckhaupt, Alex Strecker, Pierre Wiesener und Dennis Henrich. Und die hielten auch eifrig bis zum Schluss durch. Dafür herzlichen Dank. Das verdient Anerkennung.
Es entstand ein lebhafter E-Mailkontakt mit den Kindern und einmal im Monat fuhr ich nach Würzburg, um mich mit „meiner“ Schreibgruppe zu treffen. So sind viele Ideen der Kinder in die Geschichte eingeflossen. Sie fütterten mich nicht nur mit Namen, Sprüchen und Selbsterlebtem, sie hatten auch sehr konkrete Vorstellungen von den Figuren, die das Buch bevölkern sollten. Natürlich hoffe ich sehr, dass sich jeder Einzelne von ihnen in dem Buch wiederfinden wird.
Für mich waren die Besuche im St. Josephsheim intensive Erlebnisse. Denn ich wurde nicht nur von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in sämtlichen Belangen unterstützt, ich durfte mich auch zwei Tage im Monat an Originalschauplätzen in meine Kindheit zurückversetzen. Ich durfte teilnehmen am Heimalltag, der trotz vieler Veränderungen und Neuerungen dem meinigen im Jahr 1966 sehr ähnlich ist.
Dafür ganz herzlichen Dank der Heimleitung des St. Josephsheims, dem Sekretariat, den Lehrkräften, den Gruppenleiterinnen und -leitern, den Psychologen und allen sonstigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ganz besonderer Dank gebührt den Kindern und Jugendlichen, die mir mit ihren Antworten auf all meine Fragen bei der Arbeit halfen.
Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei dieser Gelegenheit bei meiner Lektorin Susanne Wahl, die meinen Büchern schon so lange den letzten Schliff gibt.
Während ich an diesem Buch arbeitete, verging kaum ein Tag, an dem die Tagespresse nicht angefüllt war mit Schreckensmeldungen über Heimaufenthalte der 50er- und 60er-Jahre. So wichtig ich es finde, dass diese Dinge ans Licht kommen, so schade ist es, dass die öffentliche Wahrnehmung deutscher Heime in eine böse Schräglage geraten ist. Denn über die vielen vorbildlich geführten Einrichtungen, in denen das Wohl und die Entwicklung der Kinder an erster Stelle stehen, wird naturgemäß nicht berichtet. Zum Glück gibt es sie.
Ich weiß, wovon ich spreche.
Andreas Hauffe